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Musikgeschichte(n) aus der Quarantäne

  • Zusammenfassung

    Durch die Verbreitung des Christentums und das vermehrte schriftliche Festhalten von Melodien und Texten nimmt die abendländische Musikgeschichte auf einmal gehörig Fahrt auf – vorerst in der Form des einstimmigen Gesangs.

  • Wer hat's gemacht?

    Dieser Artikel wurde mit ♥ für Euch verfasst von Henriette. Henriette studierte Musikwissenschaften in Weimar sowie klassischen Gesang in Leipzig und ist als freischaffende Sängerin tätig. Während des C(h)orona-Shutdowns unterstützt sie die Schola Cantorum mit Beiträgen zur Musikgeschichte und beweist dabei: Wissenschaft ist alles andere als graue Theorie!

  • Lesedauer

    Lesedauer: 7 Minuten • Musikbeispiele: 8 Minuten

3. Kapitel: Einstimmigkeit im Mittelalter

  • Die Musik der Ur-Kirche

    Ab dem Jahre 70 nach Christus begann sich das junge Christentum von einer kleinen Sekte zu einer führenden geistigen Macht der Spätantike zu entwickeln, bis es im Jahr 391 sogar Staatsreligion im Römischen Reich wurde. Diese Entwicklung spiegelte sich natürlich auch in der Musik wider. Als Keimzellen der frühchristlichen Musik müssen die (im Kapitel “Die griechische Musik” besprochene) Musikpraxis des antiken Mittelmeerraumes und die jüdische Tempelmusik gelten. Anders als im jüdischen Gottesdienst wurden im christlichen Pendant von Anfang an Instrumente ausgeschlossen. Deshalb konzentrierte man sich auf den Gesang. Es wurden vor allem Hymnen (neugedichtete Lobgesänge) und Psalmen in aramäisch (die Sprache von Christus) und syrisch einstimmig aufgeführt. Erst ab dem vierten Jahrhundert, als das Christentum Staatsreligion in Rom wurde, finden wir Hinweise auf lateinische Texte. Es gab im Wesentlichen zwei Arten des musikalischen Vortrags:

     

    • der responsorische Vortrag (ein Solist singt vor, ein Chor antwortet)
    • der antiphone Vortrag (Wechsel zwischen zwei Chorhälften)

     

    Leider gibt es sonst aus dieser Zeit keine erhaltene Aufzeichnung von Musik, sondern nur schriftliche Berichte. Der Papyrus Oxyrhynchus XV 1786 ist das älteste erhaltene Manuskript eines christlichen Hymnus. Auf der Vorderseite befindet sich eine Rechnung über Getreide aus der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts. Die Rückseite (Foto) enthält fünf Zeilen eines Hymnus.

     

    POxy 1786.jpg
    Foto: Fragment von POxy 1786, via Wikimedia Commons

  • Der gregorianische Choral

    “Der gregorianische Choral ist die erste große musikalisch-künstlerische Leistung des Christentums und zugleich die älteste, bis heute lebendig gebliebene musikalische Kunstform des Abendlandes.” Prägnanter als Musikforscher Karl Heinrich Wörner kann man es wohl nicht ausdrücken. Wieviel Papst Gregor I. (gestorben 604) wirklich mit der “Erfindung” des Chorals zu tun hat, ist nicht belegt, auf jeden Fall fällt dessen Entstehung in seine Zeit. Der gregorianische Choral war deshalb so erfolgreich, weil ihn die Sängerschulen (übrigens nach Vorbild der von Gregor gegründeten Schola Cantorum in Rom) und die Mönche mit der fortschreitenden Christianisierung in ganz Europa verbreiteten. Er ist ein einstimmiger Gesang ohne Instrumentalbegleitung. Gesungen wurden (und werden) Messgesänge (im Gottesdienst) und Offiziengesänge im Tagesablauf der Mönche (von lat. officium “Dienst, Obliegenheit, Pflicht, Amt”). Es gibt dabei zwei Arten des Vortrags:

     

    1. Accentus. Die schlichten Melodien werden nach vorgegebenen Formeln auf Basis des Textes gebildet, wobei weite Teile auf demselben Ton syllabisch gesungen werden.

     

     

    2.) Concentus. Der Melodie wird gegenüber dem Text eigene Geltung eingeräumt: In syllabischen Melodien ist jeder Silbe ein Ton zugeordnet. In neumatischen Melodien werden einzelne Silben auf mehrere Töne verteilt. In melismatischen Melodien ist der Text nur noch Anlass für die Musik, bei der die Silben in weit geschwungenen Melismen auf viele Töne verteilt werden.

     

     

    Dem Tonsystem des gregorianischen Chorals liegt die Tonleiter aus der griechischen Musiktheorie zugrunde. Die Melodien werden aufgebaut nach dem System der Kirchentonarten. Wer sich dafür näher interessiert, dem sei diese Webseite lehrklaenge.de empfohlen.

     

    Das christliche Prinzip der Missionierung, also das Bestreben, anderen Völkern den Glauben nahezubringen, sorgte dafür, dass die Notenschrift erfunden wurde. In gewisser Weise war sie eine Art Gedankenstütze für Missionare und für die neu hinzu gewonnenen Christen. Die erste Art der Notation waren die Neumen (von griechisch: “Wink”). Sie diente nur als Anhaltspunkt und gab keine genauen Tonhöhen wieder, sondern nur die Art der Melodiebewegung.

     

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    Foto: Introitus “Nos autem”, aus: Codex Sangallensis, ca. 1050 – 1060 nach Christus; Stiftsbibliothek Sankt Gallenvia Wikimedia Commons

     

    Durch das Bestreben, diese Neumenschrift verbindlich und ästhetisch festzuhalten, entstanden Abweichungen von dieser Notenschrift, im zwölften Jahrhundert insbesondere die Quadratnotation, die sich bis heute für die Notation des gregorianischen Chorals durchgesetzt hat. Sie bedient sich schon eines Notenliniensystems und Schlüssels. Allerdings bleibt auch hier die absolute Tonhöhe den stimmlichen Voraussetzungen des Sängers überlassen: Sie gibt nur die relativen Intervallabstände an. Auch die Notation eines festen, messbaren Rhythmus’ findet nicht statt.

     

    Quadratnotation Tu es deus.png
    Beginn des Graduale “Tu es Deus” in Quadratnotation (Graduale Romanum), via Wikimedia Commons

  • Sequenzen und Tropen

    Die Völker nördlich der Alpen, die im Zuge der Christianisierung auch den gregorianischen Gesang übernahmen, waren bestrebt, diesen zu erweitern oder auszuschmücken. So kamen neugedichtete Texte und neu-“komponierte” Musik hinzu.

     

    Man unterscheidet zwischen Interpolationstropen (Einfügen einer neuen Melodie ohne Text oder Einschub von neuem Text mit einer neuen Melodie), Textierungstropen (nachträgliche Textierung von eingeschobenen Tönen bzw. Melodien) und der Sequenz (Textierung des Schlussmelismas auf der Endsilbe des Wortes “Halleluia”).

     

    Tropen und Sequenzen spielen deshalb in der Musikgeschichte eine so große Rolle, weil sie die ersten kreativen, künstlerischen und vor allem schriftlichen Zeugnisse der abendländischen Musik darstellen und die Grundlage für die Entwicklung der Mehrstimmigkeit bilden. In diesem Video kann man gut sehen, wie eine Sequenz aussieht und auch wie die Quadratnotation gesungen wird.

     

  • Einstimmiger, religiöser, volkssprachlicher Gesang

    Es gab neben dem lateinischen Gesang auch kirchliche Lieder, die in der Volkssprache, also zum Beispiel auf Deutsch gesungen wurden. Wie sie sich entwickelt haben (ob aus der Textierung von lateinischer Musik oder aus der Übernahme von weltlicher Musik) ist nicht geklärt. Von Region zu Region unterschied sich auch deren Inhalt: Manchmal waren es Lieder, die in die Liturgie des Gottesdienstes gehörten, manchmal waren es aber auch solche mit reformatorischen oder nationalen Inhalten. In Deutschland entstand die Gattung “Leise”, die an das “Kyrie eleison” (Herr, erbarme dich) im Gottesdienst angehängt wurde. Die erste “Leise” und damit das erste deutsche Kirchenlied war das “Petrus-Lied”.

     

     

    Deutsche Kirchenlieder entstanden auch durch die Übersetzung von lateinischen “Cantios” oder Hymnen. Manchmal verschmischten sich dabei auch lateinische und deutsche Texte: Wir alle kennen das Weihnachtslied “In dulci Jubilo”.

  • Einstimmige, weltliche Musik

    Dass die geistliche Musik früher als die Weltliche dokumentiert wurde, lag an den Christianisierungs-Bestrebungen der Kirche und der religiösen Bedeutung der Musik. Natürlich gab es schon immer auch weltliche Musik, jedoch ist diese erst seit dem elften Jahrhundert auch schriftlich belegt. Wahrscheinlich ist dies der zunehmenden Bedeutung des Rittertums zu verdanken. Durch das wachsende Standesbewusstsein sahen die Ritter ihre Musik als wichtige Kunstform an, die es wert war, festgehalten zu werden. In Deutschland entwickelte sich (beeinflusst von den französischen Trouvères und Troubadours) der Minnesang als eigenständige Kunstform. Der Sänger war dabei meistens auch der Dichter der Texte und der Erfinder der Musik. Inhaltlich ging es im höfischen Minnesang vor allem um das Werben von Frauen (“Minne” bedeutet “Liebe”). Aber auch politische oder religiöse Themen spielten eine Rolle. Begleitet wurde der einstimmige Gesang von Instrumenten wie der Harfe und gesungen wurde auf Deutsch. Als berühmteste Minnesänger gelten Walther von der Vogelweide (um 1170-1228), Reinmar von Hagenau (gestorben 1205) und Oswald von Morgenstein (1377-1445). Einen schönen Überblick über dieses Thema bietet die Webseite wikis.fu-berlin.de.

Literaturverzeichnis & Quellen

Abbildungsverzeichnis:

  • Fresko “Der Sängerkrieg” (1855) von Moritz von Schwind mit Walther von der Vogelweide (Foto: Wolfgang Sauber, via Wikimedia Commons)
  • Madonna mit Christuskind und Heiligen (Foto: The Yorck Project (2002), 10.000 Meisterwerke der Malereivia Wikimedia Commons)
  • Altartafel von San Zeno in Verona: Hl. Benedikt, Hl. Laurentius, Hl. Gregorius und Hl. Johannes der Täufer (Foto: The Yorck Project (2002), 10.000 Meisterwerke der Malerei, via Wikimedia Commons)
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