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Schola Cantorum Leipzig | Deutsch Finnische Chorakademie Bachfest Leipzig

„The music has to sound beautiful.“ (Daniel Reuss)

Deutsch-Finnische Chorakademie 2017
„The music has to sound beautiful.“ (Daniel Reuss)

So richtig konnte wohl keiner von uns einschätzen, worauf man sich einlässt, bevor wir am 18. April die Reise nach Helsinki antraten, die bei genauerer Betrachtung erst am Abend des 11. Juni ihren Abschluss fand. Reichlich drei Monate intensiver Arbeit an den Stücken lag bereits hinter uns, sowohl im Rahmen regulärer als auch zusätzlicher Wochenendproben. Und nun sollten wir mit Noten, Gastgeschenken und nicht zu knapp bemessener Winterkleidung im Gepäck einmal die Ostsee überqueren, um in der finnischen Hauptstadt dem diesjährigen „Partnerchor“ der Chorakademie zu begegnen.

Die Chorakademie ist ein Projekt, was einmal jährlich im Rahmen des Leipziger Bachfestes durchgeführt wird. In diesem treffen jeweils ein Leipziger und ein internationaler Jugendchor aufeinander und erarbeiten gemeinsam mit einem renommierten Chorleiter ein Programm. Aus dem Kammerchor der Stadt Leipzig beteiligten sich rund 30 Sänger und Sängerinnen an diesem Projekt und es ergab sich ein buntes Bild aus langjährigen sowie frisch dazugestoßenen Mitgliedern. Dieses Bild hat sich im Verlauf der Chorakademie deutlich gewandelt und fügte sich sowohl auf klanglicher Ebene als auch im sozialen Chorgefüge immer mehr zu einer Einheit zusammen. Den internationalen Part in diesem Projekt übernahm dieses Jahr der Chor „Dominante“ aus Helsinki, der mit circa 30 seiner sonst 60 Mitglieder aufwartete.

Selten durfte ich bisher einen so herzlichen und warmen Empfang wie den in Finnland erleben. Und nicht nur die Willkommensfeier mit vorbereiteten Stücken chorinterner Ensemblegruppen, sondern auch die Bemühungen der finnischen Chormitglieder während der gesamten Woche, waren bemerkenswert und ließen nicht selten ein Urlaubsgefühl entstehen. Die Unterbringung in den Gastfamilien machte das Einfinden in die neue Umgebung sehr einfach und tagsüber gab es dann ausreichend Raum sich über Helsinki zu informieren oder auch einfach mal die Stadt zu genießen. Als feste Programmpunkte waren neben einer Stadtführung und dem Besuch einer Generalprobe des „Helsinki Philharmonic Orchestra“ auch der Ausflug in eine Lasertag-Halle geplant. Wer wollte, hatte in dieser Woche natürlich die Chance eine der zahlreich vorhandenen Saunen zu besuchen. Davon gibt es in Finnland angeblich sogar mehr als EinwohnerInnen (demnach: über 5 Millionen).

Trotz aller Freizeit blieb die Abendzeit für intensive Chorproben reserviert. Und ein besseres Wort als „intensiv“ wird man wohl kaum zur Beschreibung dieser Probenzeit finden, denn so konzentriert und fokussiert habe ich persönlich selten 60 Männer und Frauen in einem Raum arbeiten sehen und hören. Die Proben wurden geleitet von Daniel Reuss, einem deutsch-niederländischen Chordirigenten – selbstverständlich auf Englisch. Bereits nach der ersten vierstündigen Abendprobe war mindestens ein Schwerpunkt unserer Arbeit in Finnland klar: Die klare Intonation von Halbtönen. Die zwei einfachen Silben „Mi“ und „Fa“ werden uns wohl allen noch lange im Gedächtnis bleiben. Doch nicht nur die Töne stellten in mancherlei Hinsicht eine Herausforderung dar, sondern ebenso die korrekte Aussprache der deutschen und finnischen Texte. Während die finnischen Sänger und Sängerinnen mehr als einmal an die vielfältigen Varianten Vokale auszusprechen erinnert wurden, kämpften die deutschen ProjektteilnehmerInnen zumeist mit gerollten „r“, angehauchten „h“ und weichen „t“. Zwar hatten wir vor der Abfahrt nach Finnland die finnischen Texte mit einer Muttersprachlerin eingeübt, doch das Singen der Stücke mit einem finnischen Chor stellte doch noch mal eine andere Herausforderung dar. Die Arbeit mit Daniel Reuss war allerdings nicht durch schlichte Fehlerkorrektur geprägt. In der Regel wurden die Korrekturen in amüsante Anekdoten oder gezielt eingesetzter Gestik und Mimik seinerseits eingebettet. Auf diese Art waren die Proben nicht nur extrem effektiv, sondern obendrein auch durchaus unterhaltsam.

Nach erledigter Probenarbeit gab es noch die Chance in eine Bar einzukehren und den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Und „Ausklingen“ darf man in diesem Fall wieder sehr wörtlich nehmen, denn die Mitglieder von Dominante stimmten in regelmäßigen Abständen Trinklieder und selbstkomponierte Lieder aus ihrem eigenen Liederbuch an.

Unser Finnlandaufenthalt wurde neben einem regelrechten Wintergrillen gekrönt durch ein sonntägliches Konzert in der Kathedrale von Helsinki. Dieser weiße Prachtbau hatte bereits auf der Stadtführung einen bleibenden Eindruck hinterlassen und wurde nun auch zu einem kleinen klanglichen Abenteuer für den nicht mal ganz eine Woche alten „Fusionschor“. Gesungen wurde hier bereits eine kleine Auswahl der Stücke, welche in Leipzig zum Konzert in der Thomaskirche den Abschluss des Projektes bilden sollten. So erfüllten unter anderem „Komm, Jesu, Komm“ (Bach), „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ (Mendelssohn-Bartholdy) und „Rakastava“ (Sibelius) den kuppelförmigen Bau.

Auf diese erste Bewährungsprobe folgte noch eine wundervolle Abschlussparty in der Nähe des Helsinkier Hafens. Auch auf dieser kam das Singen wieder nicht zu kurz. Und wir durften an diesem Abend eine tolle Tradition von Dominante kennenlernen: Das Besingen des oder der DirigentIn jeweils von den Frauen oder den Männern des Chores mit anschließenden Küssen auf die Wangen des oder der Besungenen. Nach dem Konzert hatten bereits die Dominante-Frauen für Daniel Reuss gesungen. Während der Abschlussparty sangen die Dominante-Männer noch für Heike Bronn, einer Mitorganisatoren des Bachfestes, die in Finnland stets den gesamtorganisatorischen Überblick behielt und uns alle mit einem sehr guten Namensgedächtnis beeindruckte. Nach dieser tollen und sehr kommunikativen Abschlussparty standen wir nun vor der Abreise und dem vorläufigen Verabschieden.

Doch nach nicht mal 6 Wochen konnte man sich bereits wieder begrüßen – nur diesmal eben in Leipzig. Am 5. Juni warteten viele der 30 ProjektteilnehmerInnen im Foyer der Anna-Magdalena-Bach-Schule gespannt auf die Ankunft der FinnInnen. Um 17:00 erreichte der Bus vom Berliner Flughafen endlich sein Ziel und die Willkommensparty konnte losgehen. Auf dieser durften nun diesmal die finnischen Gäste ein kleines Musikprogramm genießen. Dieses hatten, nach finnischem Vorbild, kleine chorinterne Ensemblegruppen aufgebaut. Nach diesem ersten freudigen Wiedersehen ging es dann in die Gastfamilien und der Startschuss für eine anstrengende, aber definitiv wundervolle Woche war gegeben.

Wie auch wir in Finnland, durften die Gäste nun tagsüber Leipzig erkunden und vor allem viele seiner musikalischen Facetten kennenlernen, wie das Bach-Museum oder die Notenspur. Doch jeden Abend ab 17:00 gab es wieder ein gemeinsames Programm: Proben in der Paul-Gerhard-Kirche in Connewitz. Wir alle waren sehr gespannt darauf, Daniel Reuss wiederzusehen und an den Stücken weiterzuarbeiten. Dabei war natürlich interessant, ob man an das Niveau in Helsinki möglichst dicht anknüpfen könnte. Das gelang uns tatsächlich relativ gut, nachdem sich beide Chöre stimmlich wieder aneinander gewöhnt hatten und man seine eigene Überraschung über den Klang von einem 60-köpfigen Chor überwunden hatte. In Leipzig ging es nun nicht mehr so viel um Intonation, sondern eher darum, die von Daniel Reuss gewünschten Dynamiken und somit den spezifischen Charakter der Stücke umzusetzen. Oft waren es scheinbar einfache Hinweise, die das Klangbild eines Stückes komplett veränderten: die Töne denken, bevor man sie singt; den gemeinsamen Rhythmus spüren; den Text als bedeutungsvoll wahrnehmen; usw. Bezeichnend für die Leipziger Proben war für mich der Satz: „Don’t look at me like Hush-Puppies!“, was wohl der Bitte gleichkommen sollte, seinen eigenen Kopf beim Singen einzusetzen.

Nach nur drei Probenabenden, die auch in Deutschland immer mit einem Ausflug in eine Bar abgeschlossen wurden, hatten wir bereits den ersten Auftritt. Am 09. Juni gaben wir auf dem Leipziger Marktplatz zum Auftakt des Bachfests einen Vorgeschmack auf das „finale Abschlusskonzert“ am Sonntag in der Thomaskirche. Vor dieser Kulisse zu singen war wohl für fast jeden von uns eine neue Erfahrung. Diesen Abend schloss diesmal ein Empfang mit der finnischen-Botschafterin im Alten Rathaus ab. Auf diesem konnte man sehr deutlich erkennen, wie aus den anfänglich zwei Chören langsam einer geworden war und jegliche Kommunikationshemmschwellen im Verlauf der Projektzeit abgebaut wurden. Dazu hat auch sehr der darauffolgende Samstag beigetragen, an welchem eine kleine Paddeltour mit anschließendem Picknick im Park stattfand. Der Muskelkater sollte einigen von uns das Notenhalten am Folgetag nicht gerade erleichtert haben. Doch auch an diesem Nachmittag hatten wir einen kleinen Auftritt – diesmal in der Osthalle des Hauptbahnhofs. Diesmal war die Müdigkeit aller deutlich zu spüren und die Akustik machte uns das qualitativ hochwertigere Singen schwer. So waren wir am Abend alle froh, ein wenig entspannen zu können. Dies taten einige im Gewandhaus beim Auftritt des Monteverdi-Chores oder auch beim Genießen der Open-Air-Musik auf dem Marktplatz. So konnten wir alle etwas Kraft tanken für die letzte Etappe am Sonntag in der Thomaskirche.

Für dieses Konzert trafen wir uns 11:00 zum Einsingen, was übrigens immer einer der Sänger aus dem finnischen Chor übernahm, um dann ab um 12:00 mit dem gesamten Orchester und den Solisten in die Generalprobe zu starten. Ein paar wenige gezielte Hinweise vom Dirigenten an Chor und Orchester und dann galt nur noch: ein letztes Mal Konzertkleidung an und Stücke in der richtigen Reihenfolge bereitlegen, um in das Konzert zu starten. Dieses flog wie ein einziger Fluss an uns vorbei und wurde bis zum letzten Ton von den Zuhörern genossen – zumindest, wenn man es auf die Entfernung betrachtet hat. Wenn auch nicht alles perfekt war, so waren wir auf jeden Fall bis zur letzten Silbe dabei und gaben unser Bestes, die Zeichen des Dirigenten korrekt zu übersetzen und in die Musik einzubinden. Dank eines fantastischen Dirigierstils war zumindest das Übersetzen kein großes Problem. Das letzte Wort „Firmament“ verhallte und erst jetzt wurde uns so richtig bewusst, dass das Ende unseres großartigen Projekts tatsächlich fast vorbei war. Doch zuvor bekamen wir noch allerhand positive Rückmeldungen auf das Konzert – besonders hervorstechend wohl die finnischen Stücke von Sibelius. Diese werden wohl weiterhin im Repertoire des Kammerchores bestehen bleiben, denn auch wir haben den zunächst eigentümlichen Klang sehr in unser Herz geschlossen. Auch Daniel Reuss hat sich nach dem Konzert bei allen Mitwirkenden herzlich bedankt und schien mit dem Ergebnis dieses Projekts doch recht zufrieden. Wie weit wir uns nach insgesamt weit über 30 Intensivprobenstunden tatsächlich seinem formulierten Anspruch „The Music has to sound beautiful.“ annähern konnten, wissen wir natürlich nicht. Aber auf jeden Fall haben wir den Umfang dieses zunächst so simpel klingenden Satzes im Rahmen des Projekts immer mehr greifen können und dies ist eine Erfahrung, die so schnell nicht wiederkommen wird und für die wir alle sehr dankbar sind.

Am Abend des 11. Juni gab es natürlich noch die Abschlussfeier im 4Rooms. Auch hier wurde wieder viel gegessen, getrunken, geredet und natürlich (!) auch gesungen. Neuheit war jedoch, dass es sogar ein gemischtes Ensemble mit deutschen und finnischen Chormitgliedern gab, die uns mit dem Stück „Sentimental Journey“ noch mal an die schöne Zeit erinnerten, die nun hinter uns lag. Doch muss man ja nicht unbedingt in der Vergangenheitsform reden. Dominante und der Kammerchor haben sich so gut kennengelernt, dass Besucher sowohl in Leipzig als auch in Helsinki jederzeit mindestens eine offene Tür vorfinden werden. So haben wir uns alle verabschiedet mit der Hoffnung, doch den einen oder anderen noch einmal wiederzusehen und in Kontakt zu bleiben.

Am Montag war dann der Zeitpunkt für die finnischen Gäste und Freunde gekommen, den Rückflug anzutreten. Für die deutschen Chormitglieder galt es den Weg zurück in den Alltag zu beschreiten, und das Projekt, welches uns seit einem halben Jahr ständig begleitet hat, auch für sich persönlich abzuschließen. Und eines steht mit Sicherheit fest: Die Teilnahme war für jeden von uns eine tolle und einmalige Erfahrung.

Lena Wingerter (Kammerchor)

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