Der Leipziger Uniriese Spiegelt Sich In Regenwasser.
In Leipzigs Vokalmusikszene ist das Erbe Bachs und Mendelssohns bis heute höchst lebendig. Warum das Deutsche Chorfest 2020 mit gutem Grund (endlich!) in der sächsischen Metropole stattfindet

Welthauptstadt des Singens

VON SABINE NÄHER
erschie­nen in: Chor­zeit, Das Vokal­ma­ga­zin, Nr. 63, Sep­tem­ber 2019

Dass Johann Sebas­ti­an Bach als Tho­mas­kan­tor in Leip­zig wirk­te und hier die meis­ten sei­ner unsterb­li­chen Wer­ke geschaf­fen hat, ist allen Lieb­ha­be­rIn­nen der Chor­mu­sik bekannt. Nicht alle dürf­ten wis­sen, dass der Tho­man­er­chor 2012 sei­nen 800. Geburts­tag fei­ern konn­te und damit eine der Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen mit der längs­ten unun­ter­bro­che­nen Tra­di­ti­on über­haupt ist. Dass aus sei­nen Rei­hen immer wie­der Gesangs­en­sem­bles wie amar­cord und das Cal­mus Ensem­ble her­vor­ge­hen, die Welt­gel­tung erlan­gen, ver­deckt den Blick dar­auf, wie unge­wöhn­lich breit die Chor­land­schaft in die­ser Stadt gene­rell auf­ge­stellt ist.

«Leip­zig ist ohne Zwei­fel eine der wich­tigs­ten Chor­städ­te über­haupt. Ich wür­de sogar sagen, es ist eine Welt­haupt­stadt des Sin­gens», erklärt Dr. Anselm Har­tin­ger. Gebo­ren 1971 in der Mes­se­stadt, stu­dier­te er hier Geschich­te und Musik­wis­sen­schaft und arbei­te­te im Bach-Archiv Leip­zig, an der Scho­la Can­torum in Basel, am Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg in Stutt­gart und war Direk­tor des Geschichts­mu­se­ums in Erfurt, ehe er im April zum Direk­tor des Stadt­ge­schicht­li­chen Muse­ums Leip­zig bestellt wur­de. «In der Vor­weih­nachts­zeit kann man hier in der Stadt mal eben unter gefühlt 40 Auf­füh­run­gen des Weih­nachts­ora­to­ri­ums wäh­len. Das gibt es an kei­nem ande­ren Ort der Welt!» In der Pas­si­ons­zeit ist das nicht anders. Und hier wird die gan­ze sti­lis­ti­sche Band­brei­te gebo­ten: Natür­lich sind der Tho­man­er­chor mit dem Gewand­haus­or­ches­ter eben­so dabei wie etli­che Spe­zial­ensem­bles für Alte Musik, aber auch unzäh­li­ge Gemein­de­kan­to­rei­en, für die es Ehre wie Pflicht ist, die gro­ßen Wer­ke Bachs mit ihren Mit­teln zu stemmen.

Zurück geht die­se viel­fäl­ti­ge Chor­land­schaft auf die gro­ße Sin­ge­be­we­gung des 19. Jahr­hun­derts. «Damals bil­de­ten sich die gro­ßen Lai­en­chö­re, um die ora­to­ri­schen Wer­ke von Bach und Hän­del bis zu Men­dels­sohn auf­zu­füh­ren», erläu­tert Har­tin­ger. «Wie in Ber­lin gab es hier in Leip­zig eine Sing­aka­de­mie, es gab den Chor­ver­ein von Karl Rie­del, es gab den Sing­ver­ein an der Uni­ver­si­täts­kir­che St. Pau­li, wo die gro­ßen Ora­to­ri­en auf­ge­führt wur­den. Und Men­dels­sohn hat­te am Gewand­haus einen eige­nen Pro­jekt­chor, eine Aus­wahl der bes­ten Sän­ger aus den Lai­en­chö­ren ringsum.»

MENDELSSOHN PRÄGTE DIE MUSIKSTADT

Denn selbst­ver­ständ­lich wirk­te auch Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy in Leip­zig, das es als Musik­stadt im 19. Jahr­hun­dert ohne wei­te­res mit Wien auf­neh­men konn­te. Men­dels­sohn begrün­de­te als Gewand­haus­ka­pell­meis­ter den Ruhm der gro­ßen Gewand­haus­kon­zer­te, wie es sie bis heu­te gibt. Er war Initia­tor zur Grün­dung eines Kon­ser­va­to­ri­ums, dem Vor­läu­fer der heu­ti­gen nach ihm benann­ten Musik­hoch­schu­le – und er ver­an­lass­te die Rück­be­sin­nung auf die Wer­ke der alten, fast in Ver­ges­sen­heit gera­te­nen Meis­ter. «Nicht zuletzt wegen Men­dels­sohns Wir­ken, das über sei­nen Tod hin­aus aus­strahl­te, dürf­te sich die Sin­ge­be­we­gung in Leip­zig beson­ders nach­hal­tig eta­bliert haben», ver­mu­tet Hartinger.

Men­dels­sohns Spu­ren begeg­net man – wie denen Bachs – in Leip­zig auf Schritt und Tritt. An einem Ort, der auf beson­de­re Wei­se mit ihm ver­bun­den ist, wirkt die Kan­to­rin und Dozen­tin Chris­tia­ne Bräu­ti­gam. Die Refor­mier­te Kir­che war näm­lich die Gemein­de­kir­che der Fami­lie Men­dels­sohn, da Feli­x’ Gat­tin Céci­le aus einer huge­not­ti­schen Fami­lie stamm­te. Die Tauf­bü­cher der Kin­der ver­wahrt die Gemein­de als beson­de­ren Schatz. Und der refor­mier­te Geist­li­che hielt die Toten­re­de bei der Auf­bah­rung Men­dels­sohns in der Pau­li­n­er­kir­che 1847, übri­gens zu Klän­gen aus Men­dels­sohns «Pau­lus» und Bachs Matthäus-Passion.

Chris­tia­ne Bräu­ti­gam, 1974 in Leip­zig als Toch­ter des Kom­po­nis­ten Vol­ker Bräu­ti­gam gebo­ren, stu­dier­te in der Hei­mat­stadt und in Lyon Orgel und Kir­chen­mu­sik. Seit 1999 lei­tet sie den Chor und den Kin­der­chor der Refor­mier­ten Kir­che. Dane­ben rief sie das Fes­ti­val «Klas­sik für Kin­der» inklu­si­ve Kom­po­si­ti­ons­wett­be­werb ins Leben, das sich größ­ter Reso­nanz erfreut. Mit dem Kir­chen­chor, dem aktu­ell 40 Sän­ge­rIn­nen zwi­schen 20 und 60 Jah­ren ange­hö­ren, gestal­tet sie im Jahr fünf gro­ße Kon­zer­te und berei­chert zehn Got­tes­diens­te musi­ka­lisch. Das Reper­toire reicht von der Vor-Bach-Zeit bis zur Moder­ne. Und natür­lich sind Men­dels­sohns Wer­ke regel­mä­ßig ver­tre­ten. «Hier in Leip­zig ist es ganz selbst­ver­ständ­lich, dass man sich einen Chor sucht», bringt Bräu­ti­gam ihre Erfah­run­gen auf den Punkt. Ihr Cre­do: Sin­gen kann jede und jeder – es gilt eben nur, den für sich pas­sen­den Chor zu finden.

ÜBER 100 LEISTUNGSFÄHIGE CHÖRE IN DER REGION

Und da ist die Aus­wahl groß: Kirch­li­che und welt­li­che Chö­re hal­ten sich in etwa die Waa­ge, schätzt Anselm Har­tin­ger. «Wir haben sicher weit über 100 leis­tungs­fä­hi­ge Chö­re hier in der Regi­on.» Dar­un­ter auch aus­ge­spro­che­ne Exo­ten wie den Denk­mal­chor, der im Völ­ker­schlacht­denk­mal auf­tritt und eine ganz eige­ne Fan­ge­mein­de hat. «Der Chor exis­tiert seit den 1920er-Jah­ren. Er will dazu bei­tra­gen, dass das Kriegs­denk­mal heu­te als euro­päi­sches Frie­dens­mo­nu­ment wahr­ge­nom­men wird», erzählt Hartinger.

VIELE EX-THOMANER MISCHEN DAS CHORLEBEN AUF

Etwas ganz Beson­de­res ist auch der Syn­ago­gal­chor, der sich als welt­li­cher Kon­zert­chor der Inter­pre­ta­ti­on der jüdi­schen Syn­ago­gal­mu­sik wid­met. Und zwar seit DDR-Zei­ten! Er wird der­zeit von Lud­wig Böh­me gelei­tet, Sän­ger im und Mit­be­grün­der des Cal­mus Ensem­bles, der sich dane­ben mit sei­nem Kam­mer­chor Jos­quin des Préz über vie­le Jah­re der viel beach­te­ten Gesamt­auf­füh­rung der Chor­wer­ke des Préz gewid­met hat. Böh­me ist einer der vie­len Ex-Tho­maner, die sich ein Leben ohne Chor­ge­sang ein­fach nicht vor­stel­len kön­nen – und das Chor­le­ben der Stadt spür­bar aufmischen.

Zu die­sen gehört auch David Timm, seit 2005 Uni­ver­si­täts­mu­sik­di­rek­tor. Die Uni­ver­si­täts­mu­sik kann in ihrer jahr­hun­der­te­lan­gen Geschich­te vie­le klang­vol­le Namen auf­zäh­len. Natür­lich waren Bach und Men­dels­sohn an die­ser Tra­di­ti­on betei­ligt. Und im frü­hen 20. Jahr­hun­dert war Max Reger einer von Timms Amts­vor­gän­gern. 1969 in Meck­len­burg gebo­ren, kam Timm als Tho­maner nach Leip­zig und blieb, um das Musik­le­ben ent­schei­dend mit zu prä­gen. Die Kon­zer­te sei­nes Uni­ver­si­tätscho­res sind High­lights im Kon­zert­ka­len­der; auch beim Bach­fest Leip­zig ist er all­jähr­lich ver­tre­ten. So ste­hen san­ges­freu­di­ge Stu­die­ren­de aller Fakul­tä­ten hier neben Welt­klas­se-Ensem­bles auf der Büh­ne. Timms Lie­be gilt dane­ben dem Jazz. Er hat eine eige­ne For­ma­ti­on, mit der er inter­na­tio­nal kon­zer­tiert und gern die Schran­ken der gän­gi­gen Gen­res ein­reißt: «Von Bach zu Jazz» lau­tet ein belieb­tes Programm.

Dass auch Die Prin­zen Ex-Tho­maner sind, sei am Ran­de erwähnt. Und dass Front­mann Sebas­ti­an Krum­bie­gels Schwes­ter Susan­ne eine gefrag­te Ora­to­ri­en­so­lis­tin ist und sein Bru­der Mar­tin als Musik­wis­sen­schaft­ler wie als Chor­lei­ter erfolg­reich wirkt, eben­falls. Zu nen­nen wäre unbe­dingt auch Ron-Dirk Ent­leut­ner. Mit sei­nen amici musi­cae, ein von ihm gegrün­de­tes wie gelei­te­tes Chor- und Orches­ter­en­sem­ble, gestal­tet er seit Jahr­zehn­ten gran­dio­se Kon­zert­pro­gram­me, die regel­mä­ßig in der Tho­mas­kir­che wie im Gewand­haus zu erle­ben sind. Dane­ben hat der Ex-Tho­maner das Jugend­sin­fo­nie­or­ches­ter der städ­ti­schen Musik­schu­le zu unge­ahn­ter Blü­te – und auf welt­wei­te Kon­zert­rei­sen geführt.

Dass hier so vie­le Chö­re auf hohem künst­le­ri­schen Niveau agie­ren kön­nen, liegt natür­lich an der her­vor­ra­gen­den Nach­wuchs­ar­beit. Da gibt es neben dem Leucht­turm Tho­man­er­chor noch sehr viel mehr. Zum einen die Scho­la Can­torum, bekannt für ihren Mäd­chen­chor, dann den Opern- und den Gewand­haus­kin­der­chor. Bei­de sind in die Arbeit der Insti­tu­tio­nen ein­ge­bun­den, haben also regel­mä­ßig Auf­trit­te auf der Opern- wie der Gewand­haus­büh­ne. Ein abso­lu­tes High­light ist dabei die all­jähr­li­che, drei­mal aus­ver­kauf­te und vom MDR-Fern­se­hen über­tra­ge­ne Auf­füh­rung der 9. Sin­fo­nie Beet­ho­vens. «Anders als vie­ler­orts gehört Sin­gen in Leip­zig noch zum All­tags­ge­sche­hen», erklärt Alex­an­der Schmitt, seit 2018 Lei­ter des MDR-Kin­der­cho­res. «Hier kom­men kaum Kin­der ohne sän­ge­ri­sche Vor­bil­dung, vie­le sogar mit einem sehr hohen Aus­bil­dungs­stand.» Gebo­ren 1984 in Wetz­lar, wur­de er Lim­bur­ger Dom­sing­kna­be und stu­dier­te Chor­lei­tung, Gesang und Gesangs­päd­ago­gik in Köln und Düs­sel­dorf. Im Rhein­land wirk­te er als Solo­sän­ger wie als Chor­lei­ter. Die Leip­zi­ger Chor­sze­ne über­zeugt ihn mit ihrer Quan­ti­tät wie Qua­li­tät. «Leip­zig ist geschicht­lich eine zen­tra­le Stadt der Chor­mu­sik. Da sind nicht nur Bach und Men­dels­sohn zu nen­nen, son­dern auch unzäh­li­ge Kom­po­nis­tIn­nen, die aus der gan­zen Welt hier­her kamen, um zu ler­nen, wie man für Chö­re schreibt und mit Chö­ren arbei­tet», sagt Schmitt. «Die­se Tra­di­ti­on wirkt offen­bar bis heu­te nach. Wo, wenn nicht in Leip­zig, soll­te das Chor­fest 2020 stattfinden?»

Titelfoto: Johannes Schenk

Schola Cantorum

Die Schola Cantorum Leipzig wurde 1963 gegründet und vereint heute über 300 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in verschiedenen Ensembles.