Infopost Frühjahr 2020 (Preview)

Aktuelle Infopost als "C(h)orona-Krisen-Logbuch"

Lie­be Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, lie­be Eltern,
lie­be Mit­glie­der unse­res Fördervereins,
lie­be Lese­rin­nen und Leser,

die aktu­el­le Aus­ga­be unse­rer Info­post ist seit eini­gen Wochen über­fäl­lig und wir haben lan­ge über­legt, was wohl ihr Inhalt sein könn­te. Alles, was nach­zu­be­spre­chen wäre, liegt (zumin­dest gefühlt) unend­lich weit zurück und scheint für die­se merk­wür­di­gen Zei­ten irgend­wie nicht rele­vant genug. Und was zum heu­ti­gen Zeit­punkt vor­an­zu­kün­di­gen wäre, kön­nen wir kaum mit Sicher­heit sagen. Den­noch: Die Auf­füh­run­gen des Brahms-Requi­ems im Novem­ber und Dezem­ber 2019 waren ein Erleb­nis und eine wun­der­ba­re Weih­nachts­sai­son liegt hin­ter uns. Ohne Zwei­fel kün­dig­te sich auch das Jahr 2020 als viel­ver­spre­chend an. Bis es im März eben anders kam...

Als der "Shut­down" nicht mehr abzu­wen­den war, haben wir nicht lan­ge gezö­gert, die ers­ten Kon­zep­te erar­bei­tet und alle nötig erschei­nen­den Wei­chen gestellt, damit es in einer Situa­ti­on, für die es kei­ner­lei Blau­pau­sen gab, trotz­dem irgend­wie wei­ter­ge­hen konn­te. Die Her­aus­for­de­run­gen schie­nen zunächst rie­sig, denn es galt ein gro­ßes Alters­spek­trum abzu­de­cken und die ana­lo­gen Unter­richts­an­ge­bo­te in den digi­ta­len Raum zu über­tra­gen, war für nicht weni­ge von uns ziem­li­ches Neuland.

Wir sind uns sicher, jeder von Ihnen und Euch hat die zurück­lie­gen­den Wochen (mit allen ihren Her­aus­for­de­run­gen, Belas­tun­gen und Ent­beh­run­gen) auf eige­ne, unver­gess­li­che Wei­se erlebt. Wir haben uns ent­schlos­sen, (aus Man­gel an ande­ren) mal die unse­re fest­zu­hal­ten. Und so ist ein klei­nes C(h)orona-Krisen-Logbuch ent­stan­den, das die Tage und Wochen in einem Chor­bü­ro beschreibt, dem die Chö­re abhan­den gekom­men sind.

Aus den bei­den ver­gan­ge­nen Mona­ten ein ers­tes Fazit zu zie­hen, fällt schwer. Es wäre wohl auch über­eilt. Also nut­zen wir wenigs­tens die Gele­gen­heit und sagen all jenen Dan­ke, die uns in den letz­ten Wochen so sehr unter­stützt haben. Allen vor­an unse­ren Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern für ihr Enga­ge­ment und ihren Mut. Dem Amt für Jugend, Fami­lie und Bil­dung der Stadt Leip­zig: Dass die Arbeit qua­si naht­los wei­ter­ge­hen konn­te, ist für uns kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. (Andern­orts stell­te sich viel­leicht auch die Fra­ge erst gar nicht?) Dan­ke auch dem Team des Men­dels­sohn-Hau­ses und der Peters­kir­che! Eben­so allen Chor­mit­glie­dern und Eltern, die uns geschrie­ben und Mut gemacht haben. Und nicht zuletzt unse­rem För­der­ver­ein, der so man­ches Trost­pflas­ter über­haupt erst mög­lich gemacht hat. (Auch wenn der Kon­to­stand der­zeit nur eine Rich­tung kennt...)

Die Arbeit fängt wohl jetzt erst rich­tig an. Blei­ben wir zuver­sicht­lich und gesund! In die­sem Sin­ne grüßt herz­lich Mar­cus Friedrich.


Woche #1 • 14. bis 20. März

Sams­tag. Seit ges­tern ist klar, die Schu­len wer­den geschlos­sen. Wahr­schein­lich ist erst­mals seit fast sech­zig Jah­ren der kom­plet­te Pro­ben- und Kon­zert­be­trieb aus­ge­setzt. Die nächs­ten drei Kon­zer­te sind schwe­ren Her­zens abge­sagt. (Ist das über­haupt schon mal vor­ge­kom­men?) Erkun­di­gun­gen über Ticket­s­tor­nos sind auch ein­ge­holt. Die ers­te Allgemeinverfügung des Frei­staa­tes Sach­sen wird die­se Ent­schei­dun­gen nur weni­ge Tage spä­ter bestä­ti­gen. Nur ein paar Ein­zel­un­ter­rich­te sind der­zeit (viel­leicht?) noch zu ver­ant­wor­ten. Wie lan­ge noch, ist unge­wiss, wie so vie­les in die­sen Tagen. Mon­tag. Ein ers­tes Kon­zept ist zu Papier gebracht: Wel­che Unter­rich­te könnten auf digi­ta­le Kanä­le umge­stellt wer­den? Für wel­che müss­ten ande­re For­men gefun­den wer­den? Inzwi­schen stellt sich auch die Fra­ge, wie ver­hin­dert wer­den kann, dass es den Frei­be­ruf­lern im Kol­le­gen­kreis die Exis­tenz­grund­la­ge ent­zieht. Bevor die Geschäf­te schlie­ßen und Lie­fer­ket­ten gänz­lich unter­bro­chen sind, wird auf­ge­rüs­tet und die vor­han­de­ne, tech­ni­sche Aus­stat­tung um Mikro­fo­ne für's Smart­pho­ne, Sta­ti­ve, Spei­cher­kar­ten, einen Cam­cor­der und ein MP3-Auf­nah­me­ge­rät ergänzt. Diens­tag. Grü­nes Licht vom Amt für Jugend, Fami­lie und Bil­dung: Hono­rar­mit­tel dür­fen für die digi­ta­le Auf­be­rei­tung von Unter­richts­in­hal­ten genutzt wer­den. Fort­an tau­schen wir uns (trotz anfäng­li­cher Skep­sis) über Stimm­bil­dung via Sky­pe aus. Mitt­woch. Lan­ge nach Dienst­schluss neh­men wir in der dunk­len und men­schen­lee­ren Wan­del­hal­le des Neu­en Rat­hau­ses eine Bear­bei­tung von Hän­dels "Ombra mai fu" (aus Xer­xes) auf. Mit Abstand: Drei Musi­zie­ren­de, zwei Mit­ar­bei­ter für Bild und Ton. Bür­ger­meis­te­rin Doro­thee Dubrau (Dezer­nat Stadt­ent­wick­lung und Bau) kann die unver­hoff­ten, trost­spen­den­den Klän­ge auf den weit­läu­fi­gen Flu­ren kaum fas­sen und ver­weilt minu­ten­lang. Nach Mit­ter­nacht wer­den auch Ein­zel­un­ter­rich­te nicht mehr mög­lich sein. Frei­tag. Ers­tes, digi­ta­les Mate­ri­al wan­dert in ein Lauf­werk bei "Just Social", der erst im Sep­tem­ber ein­ge­rich­te­ten, neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form der Chö­re. Gleich­zei­tig ver­lässt eine Mail mit dem Betreff "Musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung 2.0" das Chor­bü­ro. Dar­in die ers­ten "Geh­ver­su­che" in Sachen Video, die ers­te schrift­li­che Musik­stun­de für die Zwei- bis Fünf­jäh­ri­gen, ers­tes Krea­tiv­ma­te­ri­al sowie Kin­der- und Volks­lie­der zum Sin­gen zu Hau­se. Die Woche geht in merk­wür­di­ger Stil­le und mit vie­len offe­nen Fra­gen zu Ende.

Woche #2 • 21. bis 27. März

Sonn­tag. Die Tages­schau gibt via Twit­ter das Reper­toire für die heu­ti­gen "Bal­kon­kon­zer­te" bekannt: Beet­ho­vens "Ode an die Freu­de". Lei­der hat es für les­ba­re Noten nicht gereicht. Wir erle­di­gen das. Mon­tag. Das Ver­las­sen der häus­li­chen Unter­kunft ohne trif­ti­gen Grund ist unter­sagt. Wir tas­ten uns nur sehr vor­sich­tig ins Chor­bü­ro und inter­pre­tie­ren unse­re Grün­de als trif­tig genug. (Genau wis­sen wir es nicht.) Meh­re­re Bestel­lun­gen Hän­de­des­in­fek­ti­on sind nach Wochen ver­geb­li­chen War­tens immer noch nicht ein­ge­trof­fen. Wir begra­ben die Hoff­nung und besor­gen eine Fla­sche "Pri­ma Sprit" vom Geträn­ke­markt in der Els­ter­stra­ße. Die ers­ten Ver­an­stal­tungs­ab­sa­gen für den Früh­som­mer brö­ckeln her­ein. Wir behal­ten die Ner­ven. Was wir mit den geblock­ten Ter­mi­nen machen, ent­schei­den wir nicht heu­te. Wir kon­zen­trie­ren uns auf das Zusam­men­tra­gen von Infor­ma­tio­nen für frei­schaf­fen­de Künst­ler und die Unter­stüt­zung der Schü­ler zu Hau­se. Unser Lieb­lings­kurs "Die schöns­ten Wie­gen­lie­der" scheint in tro­cke­nen Tüchern und kann online wei­ter­lau­fen. Mitt­woch. Anschei­nend wer­den Schü­ler zu Hau­se mit digi­ta­lem Lern­stoff über­häuft. Wir star­ten eine Samm­lung von Online-Tools und Tuto­ri­als zu Video­kon­fe­ren­zen, Audio‑, Video­auf­nah­men und was sonst noch für digi­ta­len Unter­richt nötig erscheint. Und wir neh­men Kin­der- und Volks­lie­der auf. Der­weil dis­ku­tie­ren Mit­ar­bei­ter Vor- und Nach­tei­le von Sky­pe. Man macht sich gegen­sei­tig Mut. Doch die eher spar­sa­me Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Eltern und Chor­mit­glie­dern ver­un­si­chert. Frei­tag. Die Woche geht zu Ende und es wan­dern Musik­da­tei­en, Rät­sel und Spiel­ideen in die Ord­ner bei "Just Social". "Musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung 2.1" heißt die letz­te E‑Mail. Sie beinhal­tet unter ande­rem eine kom­plet­te Unter­richts­stun­de in Schrift­form, dies­mal samt Aus­mal­bild, Begrü­ßungs- und Schlusslied.

Leipzig während des pandemiebedingten Lockdowns im Frühjahr 2020
Foto: Eric Kemnitz

Woche #3 • 28. März bis 3. April

Mon­tag. Die Link­samm­lun­gen mit digi­ta­len Tools, Apps, Unter­richts­ideen, Erfah­rungs­be­rich­ten (...) wach­sen und wach­sen. Immer mehr wird klar, das ist ein Fass ohne Boden. Die Balan­ce zu fin­den, fällt genau­so schwer, wie ver­meint­lich Wich­ti­ges von Unwich­ti­gem zu tren­nen. Ein Ziel ist kaum zu erken­nen. Diens­tag. Die ers­te digi­ta­le Chor­pro­be für die Mit­glie­der der Spat­zen­chö­re ist fer­tig: 250 Mega­byte. Es fol­gen Vide­os in ähn­li­cher Grö­ßen­ord­nung für die musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung. Fort­an sind wir mit Daten­men­gen kon­fron­tiert, die sich bis­her nie­mand vor­stel­len konn­te und für die wir nicht aus­ge­legt sind. Wir bewe­gen uns täg­lich im Giga­byte-Bereich, was ermü­den­de Lade­bal­ken zur Fol­ge hat, denn das Land sitzt zu Hau­se und surft. So man­cher Upload­ver­such endet im Frust. Was wir inzwi­schen wis­sen: Video­über­tra­gun­gen sind mit teils erheb­li­chen Zeit­ver­zö­ge­run­gen ver­bun­den. Wir begin­nen Kla­vier­be­glei­tun­gen in allen Ton­ar­ten für zu Hau­se auf­zu­neh­men. Mitt­woch. Inzwi­schen ist lei­der klar, in die­ser Form und Men­ge haben die Link­lis­ten kei­ne Zukunft. Wir sor­tie­ren also um: Das Ergeb­nis sind wesent­lich anschau­li­che­re, digi­ta­le Pinn­wän­de. Nicht gut, aber bes­ser! Par­al­lel dazu übt sich im Pro­ben­saal die Fach­rich­tung Kor­re­pe­ti­ti­on in Geduld: Der Ver­such, eine kon­zen­tra­ti­ons­feh­ler­freie Auf­nah­me von Schu­berts "Lieb­ha­ber in allen Gestal­ten" her­zu­stel­len, miss­lingt zum zwölf­ten Mal. Noch­mal von vorn! Don­ners­tag. Wir ändern die Stra­te­gie und erwei­tern den Fokus: Es ist wohl nötig, auch in die Öffent­lich­keit zu kom­mu­ni­zie­ren und trans­pa­rent zu machen, was wir der­zeit tun. Zudem wird eines immer kla­rer: Soll­ten wir noch wei­te­re Wochen im digi­ta­len Modus ver­har­ren müs­sen, wer­den Chor­mit­glie­der und Eltern dem­nächst vor einer Flut aus Datei­en kapi­tu­lie­ren. Die Hono­rar­ab­rech­nun­gen für März sind fäl­lig. Ein Unter­schied zum Vor­mo­nat ist nur auf den zwei­ten Blick zu erken­nen und das ist unter die­sen Umstän­den durch­aus bemer­kens­wert: Die Her­aus­for­de­rung ist schein­bar ange­nom­men. Frei­tag. Musik­da­tei­en, Brett­spie­le zum Aus­dru­cken und Anlei­tun­gen zum Fin­gerstem­peln wan­dern in unse­re digi­ta­len Ord­ner. Für Kin­der und Eltern ist erst­mals auf unse­rer Web­sei­te eine kom­plet­te Unter­richts­stun­de musi­ka­li­scher Früh­erzie­hung für Daheim abruf­bar. Zudem steht ein wei­te­rer Sei­ten­ent­wurf, der alle der­zei­ti­gen, digi­ta­len Akti­vi­tä­ten abbil­den soll. Heu­te beginnt eine bis­her bei­spiel­lo­se Ver­teil­ak­ti­on: Die von uns tra­di­tio­nell im Früh­jahr für die Mit­glie­der des Kin­der­cho­res gesteck­ten Setz­lin­ge (in die­sem Jahr sind es klei­ne Kas­ta­ni­en) spren­gen bereits ihre klei­nen Pflanz­töpf­chen und müs­sen drin­gend an den Mann und an die Frau gebracht wer­den. Die Rund­rei­se durch Leip­zig wird bis weit in den Sams­tag dauern.

Woche #4 • 4. bis 10. April

Mon­tag. Woche um Woche wer­den Infor­ma­tio­nen und Res­sour­cen hin- und her­sor­tiert. Was heu­te noch wich­tig erscheint, ist mor­gen von ges­tern. Das frisst Zeit. Begeis­ter­te Kas­ta­ni­en-Rück­mel­dun­gen errei­chen uns. Dass es offen­sicht­lich allen gut geht, macht uns Mut. Lang­sam, aber sicher nimmt auch die Home­page Gestalt an. Wir haben die neue Sei­te lie­be­voll "C(h)orona" getauft. Ein biss­chen Pro­test ist auch dabei. Weil wir den fie­sen Virus nicht beim Namen nen­nen wol­len, haben auch eini­ge Berei­che von "Just Social" Fan­ta­sie­na­men erhal­ten: Der Titel "Alle Vögel flie­gen hoch in die Luft" beginnt zudem mit dem Buch­sta­ben A. Die Chat­grup­pen und Wiki-Sei­ten wan­dern so in der Rei­hen­fol­ge nach oben, das erleich­tert man­chen Weg. Irgend­wie rich­tet man sich inzwi­schen eben auch ein. Auf der Suche nach digi­ta­len Mög­lich­kei­ten ist das Pro­jekt "Musikgeschichte(n) aus der Qua­ran­tä­ne" ent­stan­den. Zukünf­tig gibt’s wöchent­lich online einen Epo­chen­über­blick. Diens­tag. Ostern wirft in die­sem Jahr erwar­tungs­ge­mäß selt­sa­me Schat­ten vor­aus. Wir ver­su­chen uns daher etwas Auf­mun­tern­des ein­fal­len zu las­sen. Wäh­rend wir über­le­gen, fällt ein gro­ßes Glas mit Wild­blu­men­wie­sen­sä­me­rei­en auf. Damit machen wir seit eini­gen Jah­ren auf das Bie­nenster­ben auf­merk­sam. Seit der letz­ten Land­tags­wahl kann wohl oben­drein etwas Far­be in Stadt und Land nicht scha­den. Und so packen wir kur­zer­hand klei­ne Samen­tü­ten und unter­schrei­ben Oster­grü­ße für über 300 Fami­li­en. Lei­der rei­chen unse­re Papier­tü­ten nicht und so fal­ten wir kur­zer­hand etwa hun­dert Mal Ori­ga­mi-Ersatz. Und nach­dem die Lidl-Filia­le am Burg­platz um ihr Samen-Sor­ti­ment erleich­tert ist, kön­nen auch die letz­ten Brie­fe auf Rei­sen gehen. Mitt­woch. Wir haben einen Foto­wett­be­werb aus­ge­schrie­ben: Wer macht den schöns­ten Screen­shot im digi­ta­len Unter­richt? Don­ners­tag. "Dem Oster­ha­sen auf der Spur" heißt die­se Woche die Musik­stun­de für die musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung. Inzwi­schen läuft alles schon ein biss­chen rou­ti­nier­ter: Vide­os auf­neh­men und nach­be­ar­bei­ten, das Skript auf die Web­sei­te über­tra­gen, Vide­os und Sound­files ein­bin­den, den Bil­der-Sli­der befül­len... Das Pro­ze­de­re dau­ert aller­dings um ein Viel­fa­ches län­ger, als die Vor­be­rei­tung einer her­kömm­li­chen Stun­de unter "nor­ma­len" Umstän­den. Schließ­lich wan­dern Kla­vier­be­glei­tun­gen, Sing­a­longs, Üb-MP3s und öster­li­che Bas­tel­an­lei­tun­gen in unse­re "Just-Ord­ner". Seit ein paar Tagen kann man sich täg­lich via You­Tube ein­sin­gen (las­sen). Kar­sams­tag. Die Peters­kir­che ist für die Über­tra­gung der Oster­nacht vor­be­rei­tet. Wir ver­su­chen Men­dels­sohns "Sonn­tags­mor­gen" mit allen Regeln des Abstands in Sze­ne zu set­zen, was mal mehr, mal weni­ger gut gelingt. Eines ist klar: Auf Musik völ­lig zu ver­zich­ten, ist in die­sen Tagen kei­ne Opti­on. Sams­tag­nach­mit­tag und ‑abend wer­den zum Bear­bei­ten und Schnei­den des Mate­ri­als drauf­ge­hen. Oster­sonn­tag. Upload Men­dels­sohn. Die Netz­an­bie­ter gön­nen sich heu­te offen­sicht­lich einen frei­en Tag... Fro­he Ostern!

Leipzig während des pandemiebedingten Lockdowns im Frühjahr 2020
Foto: Eric Kemnitz

Woche #5 • 11. bis 17. April

Diens­tag. Die Woche beginnt (wie üblich) mit dem Hin- und Her­sor­tie­ren von Infor­ma­tio­nen und Links. Eini­ge Mit­ar­bei­ter stel­len inzwi­schen die The­se auf, dass sie nach Ende der Kri­se (wann immer das sein mag) wohl Digi­tal­pro­fis sein wer­den. Vie­les hat sich inzwi­schen irgend­wie ein­ge­spielt. Den­noch wür­de wohl nie­mand die Situa­ti­on als zufrie­den­stel­lend bezeich­nen. Eini­ge sehr rüh­ren­de Rück­mel­dun­gen zum öster­li­chen Blu­men­gruß der Vor­wo­che tröp­feln her­ein. Nein, wir las­sen uns nicht von der (pro­zen­tu­al alles ande­re als rosi­gen) Quo­te ver­un­si­chern. Sicher haben die Leu­te den Kopf voll mit wich­ti­ge­ren Din­gen. (Zur Wahr­heit gehört sicher auch: Der Zeit­geist denkt mehr und mehr den Dienst­leis­tungs- und Ser­vice­ge­dan­ken.) Trotz der Feri­en haben wir uns für Ende der Woche digi­ta­le Zie­le gesteckt. Eine ers­te Musik­theo­rie-Lek­ti­on ist digi­tal auf­be­rei­tet und will nun geweb­mas­tert sein. Musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung und Nach­wuchs­chö­re sol­len zudem mit einem selbst zusam­men­ge­stell­ten und ‑gedruck­ten (also völ­lig ana­lo­gen!) Kin­der- und Volks­lie­der­buch über­rascht wer­den. Titel: Alle Vögel flie­gen hoch in die Luft! Die ers­te Ladung ist ver­sen­det, wei­te­re fol­gen. (An die fra­gen­den Bli­cke der Haus­post-Beleg­schaft haben wir uns inzwi­schen auch gewöhnt.) Mitt­woch. Neu­es Pro­blem: Was wird aus den kom­men­den Kon­zer­ten? Nächs­te Woche steht "Gro­ße Musik für klei­ne Ohren" und ein "Even­song" auf dem Plan. Absa­gen? Nicht schon wie­der! Don­ners­tag. Wir haben Fotos bei Leip­zi­ger Foto­gra­fen in Auf­trag gege­ben. Wenn Chor­mit­glie­der und Eltern nicht das Haus ver­las­sen dür­fen, muss eben (wie immer) umge­dacht wer­den. Nicht zuletzt ist uns die Pfle­ge unse­res Part­ner-Netz­werks auch in die­ser irren Zeit wich­tig. (Wie­viel wird davon in ein paar Mona­ten wohl noch übrig sein?) Heu­te sind wir erst­mal beein­druckt von den ent­stan­de­nen Fotos. Wir sen­den sie auf Rei­sen in die sozia­len Netz­wer­ke und den­ken: So haben wir Leip­zig noch nie gese­hen. Frei­tag. Per All­ge­mein­ver­fü­gung wer­den ers­te Locke­run­gen nach den Oster­fe­ri­en ver­kün­det. Sie betref­fen uns (wie zu erwar­ten war) nicht. Wir sind fast ein wenig erleich­tert: Wir hat­ten uns gera­de eini­ger­ma­ßen mit der Situa­ti­on arran­giert. Der Betreff der aller­letz­ten E‑Mail lau­tet "Musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung 2.4".

Woche #6 • 18. bis 24. April

Mon­tag. Wie wich­tig Geglaub­tes im digi­ta­len Raum ver­hal­len kann... Wei­ter geht’s. Wir ver­han­deln mit Jugend­her­ber­gen und Bus­un­ter­neh­men. Ob ange­zahl­te Sum­men mit spä­te­ren Auf­ent­hal­ten ver­rech­net wer­den kön­nen? Und wann wird das sein? Pla­nung ins Blaue. Wäh­rend im Pro­ben­saal Vide­os für die Musik­theo­rie ent­ste­hen, löst sich ein mit viel Kraft erstell­ter Kon­zert­ka­len­der in sei­ne Bestand­tei­le auf. Diens­tag. Offen­sicht­lich sind die ers­ten Lie­der­bü­cher zu Hau­se ange­kom­men, denn in eini­gen Chat­grup­pen ist von glän­zen­den Kin­der­au­gen die Rede. Das genie­ßen wir kurz, fei­ern uns selbst und den Moment. Es ver­ge­hen kei­ne zehn Minu­ten, bis wir wie­der aus­lo­ten, wie wohl die Ver­hält­nis­mä­ßig­kei­ten bes­ser zu bemes­sen wären. Eine Ant­wort auf die­se Fra­ge fällt uns seit Wochen schwer. Diens­tag. Es hat etwas gedau­ert, aber die Arbeit hat sich gelohnt: Wir haben einen Pod­cast! The­ma der ers­ten Fol­ge: Atmung. Es ist eine ganz eige­ne Erfah­rung, zwan­zig Minu­ten lang mit sich selbst zu spre­chen. Vor allem dann, wenn der Akku nur bis Minu­te 19 mit­macht. Na dann, alles wie­der auf Anfang! Bereits letz­te Woche haben Mit­glie­der der Instru­men­tal­klas­sen ein­zel­ne Tei­le aus Pro­kof­jews "Peter und der Wolf" auf­ge­zeich­net. Dafür ist sowohl Ben­zin, als auch "Pri­ma Sprit" ver­braucht wor­den. Die noch feh­len­den musi­ka­li­schen Bei­trä­ge wer­den von Mit­ar­bei­tern auf Kla­vier, Gei­ge, Gitar­re oder Flö­te über­nom­men. "Gro­ße Musik für klei­ne Ohren" wird also statt­fin­den! Mitt­woch. Alle Sprech­tex­te sind auf­ge­zeich­net und nach­be­ar­bei­tet. Noch hat nie­mand ein Gefühl für das Ergeb­nis und des­sen Halb­wert­zeit. In unse­ren Arbeits­ord­nern beginnt sich das zu bear­bei­ten­de Mate­ri­al zu sta­peln. Über 40 Giga­byte allei­ne in den letz­ten paar Wochen... Don­ners­tag. Wir haben im (der­zeit geschlos­se­nen) Men­dels­sohn-Haus Asyl, einen Flü­gel und mit Hän­del auch musi­ka­li­schen Ersatz für den ansons­ten zum Aus­fall ver­damm­ten "Even­song" gefun­den. Hän­dels (durch unse­ren För­der­ver­ein gespon­ser­te) Musik rührt uns ein wenig. Bereits vor eini­gen Wochen war per E‑Mail von Eltern­sei­te fest­ge­stellt wor­den: "Wie wich­tig ist in die­sen Zei­ten die Musik?!" Frei­tag. Wir müs­sen unse­re Daten bes­ser orga­ni­sie­ren, um nicht völ­lig im Cha­os zu ver­sin­ken. Hän­del ist fer­tig geschnit­ten und der Upload von immer­hin fast zwei Giga­byte ver­läuft erstaun­lich flüs­sig. Auch "Peter und sein Wolf" sind nach einer Sonder(nacht)schicht end­lich erle­digt. Sogar zum Kor­rek­tur­le­sen war noch Zeit. Sams­tag. Fast vier Giga­byte. "Peters Wolf" ist mehr als 20 Minu­ten lang, was uns eini­ger­ma­ßen beein­druckt. Man trifft sich also im Chor­bü­ro. Man­ches muss heu­te noch auf­ge­nom­men, ande­res geschnit­ten oder in Ord­ner ver­teilt wer­den. Wir war­ten auf die Video-Pre­mie­ren bei Face­book und You­Tube und erle­ben die­se fast auf­ge­reg­ter, als man­chen "ana­lo­gen" Kon­zert­be­ginn. Am Vor­tag ist der Hash­tag #Trost­pflas­ter­kon­zer­te gebo­ren wor­den. Hat was! Wir machen ihn zum Kon­zept. So haben wir künf­tig eine Alter­na­ti­ve zur Ver­an­stal­tungs­ab­sa­ge. Am Abend lau­tet eine Fra­ge in der MDR-Quiz­show "Qui­cky" wie folgt: "Die Scho­la Can­torum Leip­zig rich­tet sich in einem Kurs an wer­den­de Müt­ter und Väter. In die­sem ler­nen sie... A: Schau­kel­lie­der, B: Bau­mel­lie­der, C: Wackel­lie­der oder D: Wiegenlieder."

Leipzig während des pandemiebedingten Lockdowns im Frühjahr 2020
Foto: Eric Kemnitz

Woche #7 • 25. April bis 1. Mai

Mon­tag. Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier. Wir berei­ten alles für eine neue Unter­richts­stun­de musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung, eine neue Fol­ge Musik­ge­schich­te und die nächs­te Lek­ti­on Musik­theo­rie vor. Es sta­peln sich die zu bear­bei­ten­den Vide­os und Audi­os, wir sor­tie­ren Infor­ma­tio­nen und stel­len die obli­ga­to­ri­sche Fra­ge nach Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Immer­hin gibt es digi­ta­len Applaus für "Wolfs Peter". Viel Zeit zur Refle­xi­on bleibt den­noch nicht, denn am Sams­tag sol­len Carl Rei­ne­ckes "Wil­de Schwä­ne" digi­tal statt­fin­den und ein Trost­pflas­ter als Ersatz für den am Frei­tag ursprüng­lich im Rah­men des Deut­schen Chor­fes­tes geplan­ten "Mit­tel­deut­schen Kin­der­chor" muss erst noch gefun­den wer­den. Es genügt eine Son­der­schicht in der Nacht zu Diens­tag, um her­aus­ge­fun­den zu haben, was wir nicht wol­len. Diens­tag. Heu­re­ka! Wir ent­schei­den uns für John Rut­ters "Look at the World" aus dem Reper­toire des Kin­der­cho­res. In kür­zes­ter Zeit ist ein Solis­ten­quar­tett zusam­men­te­le­fo­niert. Ein Pia­nist ist für die Rei­ne­cke-Beglei­tun­gen ohne­hin heu­te im Haus. Man­ches fügt sich eben auch. Die Ergeb­nis­se des Screen­shot-Wett­be­werbs ste­hen fest. Unser För­der­ver­ein und der Leip­zi­ger Zoo haben mit Gut­schei­nen für glück­li­che Preis­trä­ger gesorgt. Sie­ger sind sie den­noch irgend­wie alle! Die Bil­der machen Mut. Und ein Lächeln. Mitt­woch. Die ver­kürz­ten Wochen set­zen uns zu und so beginnt ein Wett­lauf mit Rut­ter und der Zeit. Don­ners­tag. Weil uns zwei Druck­feh­ler in einer der Trost­pflas­ter-Kla­vier­be­glei­tun­gen stö­ren, bes­sern wir kur­zer­hand mit der Auf­nah­me von hal­ben Tak­ten und Ein­zel­tö­nen nach. Am Abend sind end­lich alle Auf­nah­men im Kas­ten. Wegen des Fei­er­tags ver­las­sen die gewohn­ten Sta­tus-Updates bereits heu­te das Büro. Für nächs­te Woche ist ein­ge­schränk­ter Schul­be­trieb ange­kün­digt. Vie­le Fra­ge­zei­chen. Wir sind von kei­ner­lei "Locke­rungs­or­gie" betrof­fen. Wir hät­ten schlicht auch kei­ne Zeit dafür! Frei­tag, Mai­fei­er­tag. Upload und Video-Pre­mie­re Rut­ter. Wei­ter mit Rei­ne­ckes "Beschnei­dung", die bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den dau­ert. Sams­tag. Die "Schwä­ne" sind fer­tig und flim­mern nach tele­fo­nisch bestan­de­nem Qua­li­tätscheck über die ein­schlä­gi­gen Por­ta­le. Das optio­nal für Sams­tag­abend ange­dach­te Sound­fi­le des Kam­mer­cho­res muss lei­der aus Kapa­zi­täts- und Kraft­grün­den ver­scho­ben werden.

Woche #8 • 2. bis 8. Mai

Mon­tag. Wie­der berei­ten wir Web­sei­ten auf neue Inhal­te vor, aber inzwi­schen ste­hen die Zei­chen der Zeit auf Ver­än­de­rung. Dem ein­ge­schränk­ten Schul­be­trieb wer­den wei­te­re Maß­nah­men fol­gen. Wir beschäf­ti­gen uns also mit einer Ära nach "C(h)orona". Aber die der­zei­ti­ge Fak­ten­la­ge zur Aero­sol­bil­dung beim Sin­gen ist ent­mu­ti­gend. Diens­tag. Das Men­dels­sohn-Haus ist wie­der geöff­net. Man gewährt uns den­noch Ein­lass, um ein "Trost­pflas­ter" für die am Sams­tag nicht statt­fin­den­de Mut­ter­tags-Mati­nee unse­rer Spat­zen zu pro­du­zie­ren. Am Nach­mit­tag fol­gen der Musik die Gedich­te und die Sache wird rund. Und wir sind wie­der um Erkennt­nis­se rei­cher: Abstands­re­geln sind umso schwe­rer ein­zu­hal­ten, wenn die Raum­grö­ße nicht par­al­lel zur Anzahl der Mit­wir­ken­den steigt. Die Chö­re feh­len uns... Mitt­woch: Auf­nah­men schnei­den, Web­sei­ten befül­len und Kor­rek­tur lesen. Don­ners­tag. Mut­ter­tags-Upload. Die Ner­ven lie­gen trotz eines zwi­schen­zeit­lich erar­bei­te­ten, zeit­li­chen Vor­sprungs spür­bar blank. Das Pen­sum der letz­ten Wochen geht nicht spur­los an uns vor­bei. Wir beschlie­ßen in der nächs­ten Woche etwas kür­zer zu tre­ten und bereits fer­ti­ge Inhal­te etwas zu "stre­cken". Die Fra­ge nach Ver­hält­nis­mä­ßig­keit.... Frei­tag. Wir haben uns pro­fes­sio­nel­le Unter­stüt­zung für zukünf­ti­ge Audio­auf­nah­men der Chö­re orga­ni­siert. Das erleich­tert die Pla­nung bevor­ste­hen­der Kin­der­opern und die längst über­fäl­li­ge Ein­bin­dung der Chor­mit­glie­der hin­sicht­lich zukünf­ti­ger Trost­pflas­ter. (Bis zum Som­mer sind es noch etwas über zwei Mona­te.) Kann man 6.000 Video­clicks eigent­lich in Kon­zert­be­su­cher umrech­nen? Die inzwi­schen ach­te Fol­ge des Aus­nah­me­zu­stan­des endet mit Sta­tus-Updates via "Just Social" und der Fra­ge, wie die aktu­el­le Woche zu num­me­rie­ren ist. Ach ja, rich­tig: "Musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung 2.7"

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» Fotos: Eric Kemnitz

Marcus Friedrich

Marcus Friedrich

Marcus Friedrich studierte Kirchenmusik sowie Chor- und Orchesterleitung bei Thomaskantor Georg Christoph Biller (Chorleitung), Helgeheide Schmidt (Klavier), Helmut Weese (Korrepetition) und Alexander Vitlin (Orchesterleitung) an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy".