Sonnenlicht Scheint Durch Ein Verwelktes Laubblatt

Eine Sprache, die wir alle verstehen

VON CASSANDRA KESKIN

"Ein deut­sches Requi­em" – ein Requi­em, das Abstand nimmt von lit­ur­gi­schen Ket­ten, ein Requi­em für die Leben­den aus der Tra­di­ti­on evan­ge­li­scher Ora­to­ri­en und Motet­ten. Das Werk ent­stand nach dem Tod von Johan­nes Brahms' Mut­ter. Er selbst wähl­te die bibli­schen Tex­te aus, die er anschlie­ßend in sie­ben Sät­zen ver­ar­bei­te­te. Besetzt mit gro­ßem Orches­ter, gemisch­tem Chor, Sopran- und Bari­ton­so­lo wird es noch immer regel­mä­ßig auf­ge­führt und gilt als eine der belieb­tes­ten Requi­em-Ver­to­nun­gen. Und das ist nicht ver­wun­der­lich: Brahms wid­met sich zeit­lo­sen aber zutiefst im Glau­ben ver­an­ker­ten The­men wie mensch­li­cher Ver­gäng­lich­keit und Demut, aber vor allen Din­gen über­ir­di­schem Trost, freu­di­gem Ver­trau­en in eine Hoff­nung auf gött­li­che Gerech­tig­keit und ein Leben, das nicht mit dem Tod in einer gefal­le­nen Welt endet, son­dern das himm­li­sche Reich als Ziel hat. Die­se Gewiss­heit zieht sich durch die aus­drucks­star­ken Sät­ze wie ein roter Faden. Mal geheim­nis­voll anrüh­rend, mal gra­bes­si­cher, jauch­zend aber vor allem lie­be­voll und vol­ler Respekt vor dem Schöp­fer und Vater. Ein Requi­em für die Leben­den. Ein Requi­em, das das Inners­te sanft und wuch­tig trifft. Oder um es mit Cla­ra Schu­manns Wor­ten zu sagen, die Brahms auf die ihr zuge­sand­ten Par­ti­tur­aus­zü­ge antwortete:

Aber sagen muß ich Dir noch, daß ich ganz und gar erfüllt bin von Dei­nem Requi­em, es ist ein ganz gewal­ti­ges Stück, ergreift den gan­zen Men­schen in einer Wei­se wie wenig ande­res. Der tie­fe Ernst, ver­eint mit allem Zau­ber der Poe­sie, wirkt wun­der­bar, erschüt­ternd und besänf­ti­gend. (...) Ich emp­fin­de den gan­zen rei­chen Schatz die­ses Wer­kes bis ins Inners­te und die Begeis­te­rung, die aus jedem Stü­cke spricht, rührt mich tief, daher ich mich auch nicht ent­hal­ten kann es aus­zu­spre­chen. (...) Ach könn­te ich es hören, was gäb' ich wohl darum.

Die­ser Kom­ple­xi­tät gerecht zu wer­den, war nun also die Auf­ga­be des Mäd­chen- und Frau­en­cho­res der Scho­la Can­torum Leip­zig in Koope­ra­ti­on mit dem Nürn­ber­ger Hans-Sachs-Chor. Ein Mam­mut­pro­jekt, das viel Zeit benö­tig­te: Bereits im April 2019 begann die Ein­stu­die­rung unter Chor­lei­ter Mar­cus Fried­rich. Weni­ge Tage vor der ers­ten Auf­füh­rung in Zwi­ckau besuch­te Diri­gent Leo Siber­ski den Mäd­chen und Frau­en­chor, um letz­te Abspra­chen zu treffen.

Am 24. Novem­ber war es dann soweit: Im Rah­men der gemein­sa­men Gene­ral­pro­be tra­fen die bei­den Chö­re, Sopra­nis­tin Mari­ja Mit­ić, Bari­ton Sebas­ti­an Seitz und die Cla­ra-Schu­mann-Phil­har­mo­ni­ker Plau­en-Zwi­ckau zum ers­ten Mal auf­ein­an­der. Es birgt immer ein gewis­ses Risi­ko, ver­schie­de­ne Prot­ago­nis­ten erst am Kon­zert­tag zusam­men­zu­füh­ren. Nicht immer gelingt dabei ein ein­heit­li­ches Klang­bild, aber – viel­leicht auch der Begeis­te­rung für Brahms' Musik geschul­det – Musi­ke­rin­nen und Musi­ker schu­fen einen stim­mungs­vol­len Kon­zert­abend im sehr gut besuch­ten Zwi­ckau­er Dom St. Marien.

Bereits eine Woche dar­auf fin­det die zwei­te Auf­füh­rung in der pres­ti­ge­träch­ti­gen Meis­ter­sin­ger­hal­le Nürn­berg statt. Die Kon­zert­hal­le besticht in ers­ter Linie mit Grö­ße, von außen scheint das graue Gebäu­de kaum ein Ende zu neh­men. Der rie­si­ge Saal ist warm erleuch­tet und auf der Büh­ne ist aus­rei­chend Platz für hun­dert Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, die Solis­ten Julia Grü­ter, Mar­kus Mar­quardt und die Nürn­ber­ger Sym­pho­ni­ker unter der Lei­tung von Prof. Gui­do J. Rum­stadt. Die Gen­ral­pro­be ist kräf­te­zeh­rend. Brahms macht es einem nicht gera­de ein­fach, aber in der vier­stün­di­gen Pau­se danach kön­nen sich alle mit Piz­za stär­ken und gut erho­len. Das Kon­zert über­trifft dann oben­drein das der Vor­wo­che in Zwi­ckau. Publi­kum und Pres­se sind ange­tan. Ein freund­li­ches Auf­ein­an­der­tref­fen von zwei sehr ver­schie­de­nen Chö­ren. Nach dem Abschieds­gruß geht es dann bis spät in den Abend zurück nach Leipzig.

Ich kann es allen – ob klas­sik­be­geis­tert oder nicht – nur ans Herz legen: Neh­men Sie sich Zeit und hören Sie Brahms' Requi­em. Es spricht eine Spra­che, die wir alle verstehen.

Titelfoto: Dominik Scythe

Schola Cantorum

Die Schola Cantorum Leipzig wurde 1963 gegründet und vereint heute über 300 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in verschiedenen Ensembles.